Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR)

Inspiration – Was ist unter Inspiration zu verstehen?



„ . . . Jedes menschliche Leben, so unterschiedlich es individuell auch ausgeprägt sein mag, beginnt mit dem ersten Atemzug direkt nach der Geburt: wir atmen ein. Und jedes menschliche Leben endet mit dem letzten Atemzug: wir atmen ein letztes Mal aus. Wenn wir nun unseren Atem beobachten, werden wir feststellen, dass sich der Atemprozess in vier Teile gliedern lässt: Das Einatmen, das Ausatmen und die beiden Atempausen. Schwerpunktmäßig beschäftigt sich Zen mit der Ausatmung. Anfängern, aber auch Fortgeschrittenen, wird empfohlen, wie oben beschrieben, still den Ausatem zu zählen, von eins bis zehn, um dann wieder bei eins zu beginnen. Mit jedem Ausatmen lassen wir los, wir lassen die eingeatmete Luft los, aber wir lassen auch unsere Gedanken los, der Geist wird nach und nach leerer und ruhiger. Am Ende der Ausatmung kommt dann eine Pause. Die Lunge ist leer, und für einen Augenblick wird der Atem still. In dieser Pause gibt es im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun. Wir können auch sagen: Wir warten entspannt. Auf was warten wir? Auf den Einatem-Impuls. Ein biologischer Impuls, der, solange wir leben, immer wiederkommt und für den wir nichts ‚tun’ müssen. Im Englischen wird dieser Impuls ‚inspire’ genannt, einatmen, im Deutschen ist es die Inspiration.

Auf diesen Impuls der Inspiration, auf diesen immer wieder neuen Lebensimpuls, bereiten wir uns mit der Ausatmung vor: Der Atem ist still, der Geist leer, wir sind offen für den nächsten Einatemimpuls. Es ist wie ein Neubeginn, mit jedem Einatmen können wir neu inspiriert werden, mit jedem Einatmen haben wir die Chance eines völligen Neubeginns.

So wird aus einer Übung, an die wir uns immer wieder erinnern müssen, fast eine Lebensentscheidung: Bin ich bereit, mich wirklich in diesen Augenblick hineinzugeben? Bin ich bereit, mich aufzugeben, und sei es nur für einen Augenblick, mich aufzugeben als klar definierte Person? Kann ich mich wirklich hingeben und mich ganz in diesem Ausatem ‚auflösen'? Es ist wie eine Entscheidung loszulassen, sich fallen zu lassen ohne Netz und doppelten Boden. Ich gebe mich auf und kann ankommen in diesem Augenblick, in diesem Hier und Jetzt. All dies ist nur einen Atemzug entfernt. Dies ist Zen-Geist. Dies ist Anfänger-Geist. Ein Zustand vor dem Beginn der Zeit, vor dem Beginn von allem.“ (Weischede/Zwiebel 2009, S. 62 – 63)